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Die Szenario-Technik

Ein Szenario stellt die Beschreibung der zukünftigen Entwicklung eines Prognosegegenstandes bei alternativen Rahmenbedingungen dar (Kreikebaum 1997). Darin finden einerseits konkrete Zielvorstellungen und andererseits plausible, d.h. nachvollziehbare Visionen Eingang. Dabei geht es weniger darum, Wahrscheinlichkeiten für den Eintritt von Ereignissen zu bestimmen, sondern eher um die Ermittlung von Wirkungszusammenhängen.

Um es mit den Worten des Begründers der Szenario-Technik auszudrücken, ist ein Szenario

„a hypothetical sequence of events constructed for the purpose of focusing attention on causal processes and decision points“
[Hermann Kahn 1967]

Diese Definition hebt die wesentlichen Merkmale der Szenario-Methode hervor, nämlich den hypothetischen Charakter der Aussagen, die eine Darstellung von verschiedenen Möglichkeiten umfassen, sodann verweist die Abfolge von Ereignissen auf logische Konsistenz und Erkundung von Wegen. Die aufgestellten Kausalbeziehungen stellen Wirkungsszusammenhänge hervor und schließlich sei der Zweck von Szenarien in ihrer Einwirkung auf Entscheidungen zu sehen.

Einsatz von Szenarien erfolgt in der Regel:

  • zur Frühwarnung von potenziellen und unerwünschten Entwicklungen
  • als Orientierungswissen und Hilfe vor der strategischen Planung
  • Die Unternehmenspolitik kann so an möglichen Umfeldentwicklungen auf Tauglichkeit und Nachhaltigkeit geprüft werden
  • Als Grundlage für Ausarbeitung von Eventualplänen „zur Sicherung der Lebens- und Entwicklungsfähigkeit der Unternehmung“ (Bleicher.)
  • Zur Entwicklung einer Vision und Ableitung von Handlungsweisen für normatives und strategisches Management

Konzept des Szenariotrichters

Idealtypisch umfasst ein Szenario die qualitative und detaillierte Gesamtdarstellung einer zukünftigen Situation, sowie den Entwicklungsweg, der zu dieser Situation führt.
Eine gute Veranschaulichung des Szenario-Modells bietet der Szenariotrichter nach Ute von Reibnitz: die Öffnung des Trichters, die den Möglichkeiten-Raum abbildet, wird mit fortschreitendem Zukunftsblick immer weiter. Ein business-as-usual-Szenario ist dabei auch in einem relativ nahem Zeitraum (2 bis 8 Jahre) sinnvoll.

Szenario-Trichter

Zieht man zu einem gewählten Zeitpunkt, z.B. im Jahr 2020, einen Schnitt durch den Trichter, so zeigen sich alternative Zukünfte (Futuribles), mit ihren jeweiligen Entwicklungspfaden.

Klassifizierungen

Die alternativen Zukunftsbilder können nach folgenden Aspekten konstruiert werden:

  • Best Case Szenario: ein Wunsch, ein Leitgedanke, oder ein Ziel stehen bereits fest. In diesem Fall interessieren besonders die Wirkungszusammenhänge zwischen dem zu erreichenden Ideal-Zustand und den dazugehörenden internen (Bedürfnisse, Erwartungen und Wünsche der Individuen, Bürger oder Kunden) und externen Faktoren (politische und gesellschaftliche Einwirkungen auf die Unternehmens-Politik, juristische Bestimmungen: Produzentenhaftung, Umweltschutzauflagen; kürzere Produktlebenszyklen, gesättigte Märkte)

  • Worst Case Szenario: was kann schlimmstenfalls passieren? Welche Entwicklungen würden die Pläne gänzlich durchkreuzen? Aufgrund eines solchen Szenarios können Maßnahmenpakete geschnürt werden, die eine Minimal-Absicherung gewährleisten oder im worst case vorbereiteter Weise zur Anwendung kommen können.

  • Trendszenario bzw. business-as-usual: der verbreiteste, plausible Weg: welche Erwartungen und Bedürfnisse werden Bürger / Individuen / Kunden haben, wenn sich alles so entwickelt, wie es sich heute bereits abzeichnet. Welche technologischen Fertigkeiten können wie von Nutzen sein, um diese Bedürfnisse und Erwartungen zu befriedigen? Welche Ausbildung wird von Nöten sein, um diese Technologien bedienen und weiter entwickeln zu können? Mit welchen starken Partnern / Mitbewerbern können Kooperationen und Allianzen eingegangen werden, um am Ball zu bleiben?

1991 definiert Michel Godet Szenarien als Beschreibung zukünftiger Situationen und den Ablauf von Ereignissen, die zu einer zukünftigen Situation führen. Diese Vorgehensweise finde ihre Entsprechung im physikalischen Gedankenexperiment. Die auf diese Weise hergeleiteten Szenarien lassen sich schematisch im obigen Bild mit den Szenarien A, A' und B veranschaulichen.

Nach der gewählten Perspektive unterscheidet man Forecasting - bzw. Vorwärtsszenarien und Backcasting / Retrognose bzw. Rückwärtsszenarien. Die erst genannten sind exploratorische, erkundende, vorausschauende Szenarien, die mögliche Implikationen einer Hypothese bzw. bestimmter Voraussetzungen (i.S.e. Folgenabschätzung) ermitteln. Die letzt genannten sind normative, strategische Szenarien, die Bedingungen, v.a. Handlungsoptionen ermitteln, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen.

Inhalte

Szenarien basieren auf der Sammlung, Beurteilung und Interpretation naturgegebener, sozialer, politischer und technischer Fakten und Trends, die unsere Eingebundenheit in kulturelle und individuelle Strukturen und Prozesse wiedergeben.

Diese Trends oder Treiber beinhalten:

  • absehbare und kaum aufzuhaltende Entwicklungen. Hierzu gehören z.B.:
    • Bevölkerungsentwicklungen, nicht erneuerbare Ressourcen, sich abzeichnende Umweltprobleme, Effizienz eingesetzter Technologien usw.
    • Wirtschaftsentwicklungen, in Abhängigkeit von der Diffusion bestehender und neuentwickelter Technologien sowie deren Auswirkungen auf Kapital- und Arbeitsproduktivität
    • Soziale und politische Trends: Generationenkonflikt, Individualisierung, Kriminalität u.a.
  • Annahmen, bei welchen keine Sicherheit über die Entwicklungsrichtung gegeben ist
    • Politische Themen, Kriege
    • Unterschiedliche gesellschaftliche Verhaltensweisen und Grundhaltungen, z.B. bzgl. Technologieakzeptanz, Marktordnungen, Gesellschaftssysteme
    • Unterschiedliche zeitliche Dynamik von Strukturanpassungen
  • sowie Wild Cards. Diese stellen äußerst unwahrscheinliche und prinzipiell unvorhersehbare Einflüsse oder Ereignisse dar, die eine massive Veränderung im Umfeld bewirken können. Beispiele aus der Vergangenheit:
    • Schwarzer Freitag
    • Sputnikschock
    • Ölpreisschock
    • Tschernobyl
    • Zusammenbruch des Ostblocks
    • 11. September

Die thematische Breite reicht von globalen Szenarien, wie das berühmte Weltmodell von Meadows ("Die grenzen des Wachstums") oder Umfeldszenarien, die sich beispielsweise mit der Entwicklung von Osteuropa oder Tigerstaaten befassen, bis problemspezifischen oder sektoralen Szenarien. Diese untersuchen beispielsweise Produktionsstandorte oder Geschäftsfelder oder loten dire Entwicklung in der Telekommunikationsbranche, im Bankenwesen oder Bio-Technologien aus.

Ablauf

Hauptschritte einer idealtypischen Szenario-Technik sind:

  1. Aufgaben-/Problemanalyse und Strukturierung des Untersuchungsfeldes
  2. Untersuchung der Einflussbereiche und Wirkungsbeziehungen (-> Systemansatz + Wechselwirkungsverfahren)
  3. Deskriptoren und Projektionen (inkl. Trendextrapolationen) Alternativannahmen und konsistente Projektionsbündelung (-> Simulation)
  4. Szenario-Writing /Interpretaion (-> literarisch-spannend-anschaulich)
  5. Störereignisanalyse
  6. Auswirkungs-/Konsequenzanalyse
  7. Szenariotransfer

Die exakte Prognose der zukünftigen Abläufe ist nicht möglich, das ist unbestritten. Zu komplex und zu dynamisch ist die Welt, als dass sie mit einfacher Fortschreibung bekannter Zahlen (Trendextrapolation) prognostiziert werden kann, da sie grundsätzlich durch menschliche Aktivitäten, Verhaltensweisen und Einsichten geprägt wird.
Aber es ist möglich die Unsicherheit der Aussagen über die Zukunft zu reduzieren und ein rientierungswissen darüber zu gewinnen, welche Zukünfte erwünscht, wahrscheinlich, oder möglich sind, welche Wege dahin führen und welche unbeabsichtigten Folgen möglicherweise auftreten können.

Vom Erkenntniszusammenhang her hilft die Szenariomethode

  • Alternative Entwicklungspfade zu identifizieren und zu beschreiben
  • Entscheidungspunkte und Handlungsmöglichkeiten zu ermitteln
  • Folgen möglicher Handlungen zu analysieren

Vom Verwertungszusammenhang her hilft die Szenariomethode

  • ganzheitliches und strategisches Denken in Unternehmen oder Verwaltungen zu fördern
  • Leitbilder und Zielvorstellungen zu identifizieren oder zu verdeutlichen
  • Orientierungswissen zur Diskussion zu stellen

 

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