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Problem der richtigen Prognoseerstellung

Das Problem der richtigen Prognoseerstellung ist uns allen gut bekannt. Alltäglich begegnet es uns bei der Wochenendplanung in der Wettervorhersage oder bei Stauprognosen für die großen Sommerferien.
Im wirtschaftlichen Bereich sind es die kurzfristigen Konjunkturprognosen, die das Aufkommen einer Inflation oder einer Krise ankündigen, die durch entsprechende Erwartungshaltung der Wirtschaftsteilnehmer, verbunden mit dazugehörigem Handeln, real werden oder in ihrer Wirkung sogar noch verstärkt werden können.

Der amerikanische Nationalökonom K. Wheeler beschrieb eine solche Wirtschaftsstimmung so:

„Sie entsteht unbewusst im Einzelmenschen oder durch gemeinsamen Stimulus in vielen Individuen und verbreitet sich unentwegt von einem Individuum zum anderen, wie ein Waldbrand von Baum zu Baum. Es ist jedoch das Brennbare im Baum, das die Verbreitung des Feuers möglich macht....; und wie auch grüne, gesunde Bäume im Waldbrand umkommen, wirft die Ansteckung der Massengefühle auch nüchterne Menschen um.“¹
Die Antizipation eines Ereignisses kann sein Eintreffen bewirken.
Ein anderes bildhaftes Beispiel hierzu wurde schon in der Antike geliefert, in der Sage vom Ödipus, der allen Vorkehrungen seiner Eltern zum Trotz die prophezeite Usurpation beging.

Dieses Phänomen nennt man selbsterfüllende Prophezeiung, weil sie den Effekt herbeiführt - auch wenn er unter „objektiven“ Gesichtspunkten gar nicht (mehr) eintreffen müsste.

Umgekehrt verhält es sich mit langfristigen Prognosen, deren Fokus weniger auf exakten Voraussagen liegt, als daran mögliche Problem- und Gefahrenfelder aufzuzeigen. Dadurch können Maßnahmen und Handlungen eingeleitet werden, die diesen unerwünschten Perspektiven entgegenwirken. Sie heben gleichzeitig die Gültigkeit der Voraussagen auf.
Als Beispiele hierzu können in der Vergangenheit ausgerufene Bildungsnotstände oder Hauhaltslöcher dienen, die durch Anstrengungen des Saates und der Privatwirtschaft durch gewonnene qualifizierte Arbeitskräfte bzw. Sparmaßnahmen entgegengewirkt wurde. Dieses Phänomen nennt man selbstzerstörende Prophezeiung.

Doch nicht nur diese zwei Phänomene erschweren die Vorhersage kommender Entwicklungen, denn alle Aussagen über die Zukunft sind prinzipiell mit Ungewissheit und dem Problem der Zuverlässigkeit behaftet.
Zukünftige Ereignisse und Entwicklungen sind nicht analytisch exakt berechenbar² und damit zuverlässig prognostizierbar. Dieser Umstand macht die wissenschaftliche und technologische Vorausschau zu einem problematischen und umstrittenen Feld wissenschaftlicher Betätigung. So muss mit 1) einer hohen Komplexität der Situation, d.h. a) einer großen Anzahl von Einflussfaktoren sowie b) deren möglichen Wechselwirkungen in einem c) dynamischen Umfeld umgegangen werden können. Darüberhinaus werden 2) externe Einflussfaktoren ebenso wie 3) unerwartet auftretende Störereignisse (Wild Cards)³ bei der Prognoseerstellung nicht hinreichend berücksichtigt. 4) Selbstorganisation bzw. Autopoiesis sozialer Systeme (N. Luhmann), die sich u.a. durch Eigendynamik und Lerneffekte (wie in sich selbst erfüllenden bzw. zerstörenden Prophezeiungen) äußern, erschweren zusätzlich die Vorhersage künftiger Entwicklungen.

Angesichts dieses Prognose-Dilemmas könnte man einerseits grundsätzlich jede Art von Vorausschau als spekulativ und unwissenschaftlich abtun.4 Man könnte aber auch versuchen, die Unsicherheit der Aussagen über die Zukunft zu reduzieren. So ließe sich das bestehende Wissen über mögliche Alternativen wissenschaftlicher und technologischer Entwicklungen schon frühzeitig zu verbessern und für den Diskurs und die Entscheidung darüber öffentlich zugänglich machen, welche Art von Zukunft überhaupt erwünscht ist und welche unbeabsichtigten Folgen möglicherweise auftreten können.

Generell wird unterstelt, dass sich mit einer Verbesserung der theoretischen Fundierung auch die Eintreffenswahrscheinlichkeit der Prognose erhöht.

Nachfolgend sind in einer Tabelle die Problemfelder von Entscheidungssituationen in Prognoseprozessen aufgeführt:

Ebene im Prognoseprozess

Probleme im Prognoseprozess

Metaebene

Grundsätzlich: Unsicherheit, Unzuverlässigkeit

Gegenstand: zukünftige Entwicklung

Analytisch nicht exakt berechenbar (Chaostheorie)

Situation (intern)

Komplexität, Vernetztheit, Dynamik

Umfeld (extern)

Externe Einflussfaktoren (Modell, Vollständigkeit), Wild Cards

System

Eigendynamik, Lerneffekte, Autopoiesis

Prognoseersteller

Beobachterperspektive (Radikaler Konstruktivismus)

 

 

 


1 Zitiert nach H.G. Graf: Prognosen und Szenarien in der Wirtschaftspraxis. Zürich 1999., S.77
2 In der Chaostheorie spricht man von determinierten, aber nicht exakt berechenbaren nichtlinearen Systemen, wie es alle lebenden Systeme sind.
3 Vgl. zu Wild Cards Steinmüller, K.-H.: Grundlagen und Methoden der Zukunftsforschung, Gelsenkirchen 1997, S. 79; Steinmüller, A., Steinmüller, K.-H.; Ungezähmte Zukunft. Wild Cards und die Grenzen der Berechenbarkeit. Gerling Akademie, Hamburg, 2003.
4 vgl. etwa Sackman, H.: Delphi Assessment: Expert Opinion, Forecasting and Group Process, Santa Monica/Cal.: RAND Corp. 1974 (RAND-Paper R-1283-PR); Popper, K.: Logik der Forschung

 
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